Seit 2023 trainiere ich beim WSV Bad Tölz – ursprünglich mit Schwerpunkt Schwimmen. Schnell wurde allerdings klar, dass meine Stärke weniger im Tempo als vielmehr in der Ausdauer liegt. Lange Ausdauerveranstaltungen waren daher fast die logische Folge: Beim 24-Stunden-Schwimmen in Haar konnte ich meine Distanz bei jeder Teilnahme steigern, letztes Jahr absolvierte ich beim Isarlauf einen Halbmarathon und dank Dirks Lauftraining bin ich zuversichtlich, dieses Jahr die Zwei-Stunden-Marke zu knacken. Eigentlich stand heuer auch das 24-Stunden-Radrennen in Kelheim auf dem Plan – es war jedoch schneller als erwartet ausgebucht. Dafür warten im Sommer nun der Hohenburger Schlosslauf und Ende August der Karwendelmarsch mit „nur“ 52 Kilometern, dafür aber 2.281 Höhenmetern.

So wurde erneut der Megamarsch München–Garmisch-Partenkirchen mein Saisonhighlight. Am Start wurden 104 Kilometer und rund 980 Höhenmeter angekündigt, am Ende standen durch wetterbedingte Umleitungen sogar etwa 106 Kilometer auf der Uhr. Mein geplanter Begleiter musste kurzfristig krankheitsbedingt absagen, sodass ich alleine mit insgesamt 3.141 Teilnehmern in München startete.

Gerade das Teilnehmerfeld macht den Reiz des Megamarschs aus: Neben erkennbaren Top-Athleten stehen Jugendliche, unsportlich wirkende Teilnehmer oder nicht mehr ganz aufrecht gehende Senioren an der Startlinie. Bei manchen baumelt eine zweistellige Zahl von Teilnehmerbändchen am Rucksack. Etwas neidisch machte mich, wie gelassen einige davon mit konstantem Tempo über die Ziellinie marschierten.

Aus den Erfahrungen von 2023 hatte ich gelernt: kleiner Laufrucksack statt schwerem Gepäck, nur das Nötigste dabei – Trinkblase, Ersatzsocken, Stirnlampe, Regenkleidung, Mütze und Handschuhe. Dazu diesmal leichtere, deutlich tragefreundlichere Schuhe mit speziellen Einlegesohlen.

Die ersten 20 Kilometer verliefen ausgesprochen nass. Immer wieder zogen kräftige Regenschauer durch, zeitweise sogar begleitet von Hagel. Gefühlt war ich ständig damit beschäftigt, den unhandlichen Fahrradponcho an- und wieder auszuziehen. Nach gut vier Stunden erreichte ich die erste Verpflegungsstation in Icking bei Kilometer 24 – überraschenderweise noch komplett ohne Fußprobleme. Also wurden Trinkblase und Energiereserven aufgefüllt. Improvisieren musste ich lediglich beim Kaffee: Mangels Tasse landete dieser in meiner kleinen PET-Flasche, die sich durch die Hitze sichtbar zusammenzog.

Richtung Starnberger See wurde das Wetter endgültig ungemütlich. Mehrere Streckenabschnitte mussten wegen Überflutungen kurzfristig umgeleitet werden. In der Dunkelheit hieß es mit Stirnlampe aufpassen, nicht knöcheltief in versteckte Pfützen zu treten. Bei Kilometer 43 zeigten sich die ersten Blasen.

Kurz vor 23 Uhr war Seeshaupt erreicht. Die erhoffte warme Verpflegung gab es dort allerdings noch nicht – dafür musste erst Obersöchering erreicht werden. Inzwischen hatte der Regen aufgehört, dafür fielen die Temperaturen bis knapp über den Gefrierpunkt. Mütze und Handschuhe wurden plötzlich unverzichtbar.

Gegen drei Uhr morgens ging es nach einem schnellen Sockenwechsel und etwas Warmem direkt weiter. Unterwegs lernte ich Joe kennen, dessen Gangbild ähnlich „rund“ aussah wie meines. Gemeinsam lief es sich deutlich leichter. Besonders beeindruckend waren die frühen Morgenstunden mit Nebelschwaden über dem Riegsee und einer Parkbank in Murnau, die kurz nach Sonnenaufgang tatsächlich noch mit Reif überzogen war.

Um 8 Uhr erreichten wir Ohlstadt bei Kilometer 83. Statt der sonst üblichen heißen Ravioli gab es zunächst nur kalte Dosen, da die Helfer mit dem Erwärmen kaum hinterherkamen. Viele Teilnehmer stiegen hier aus. Für uns war dagegen klar: Jetzt wird auch noch der Rest geschafft.

Die Schlussphase hatte es trotzdem in sich. Hinter Oberau zeigte sich plötzlich strahlender Sonnenschein, die nächtliche Kälte war vergessen – stattdessen fehlte nun die zuhause gelassene Sonnencreme. Besonders der Philosophenweg kurz vor Garmisch fühlte sich nach über 100 Kilometern deutlich steiler an als bei jeder normalen Wanderung.

Auf den letzten Kilometern wurden die Getränke knapp, trotzdem erreichte ich schließlich als einer von 1.625 Finishern glücklich das Ziel in Garmisch-Partenkirchen.

Fußsohlen und Fersen hielten diesmal erstaunlich gut durch – die andere Schuhwahl war definitiv kein Fehler. Dafür verabschiedeten sich die Zehen mit großen Blasen, und die Fußgelenke protestierten noch tagelang. Und natürlich stellte sich wieder die gleiche Frage wie 2023: Warum tut man sich so etwas freiwillig an? Spätestens am nächsten Tag äugt man dann doch auf den Pokal, der für die dritte erfolgreiche Teilnahme winkt.